Statement

 

Was ist Malerei? Will ich malen? Was will ich malen? Was ist ein Bild? Was ist ein Gemälde? Will ich ein Bild malen? Woher kommt Malerei? Woher kommt meine eigene Arbeit ? Was will ich kennenlernen? Führt jede Malerei zu einem Bild? Was ist „sehen“? Wie lerne ich das eigenständige Sehen? Wie lerne ich, dem eigenständigen Sehen zu vertrauen? Wie vermeide ich die Wiedergabe erlernter Aesthetik? Was ist Zeit? Wie lerne ich, mir bei der Arbeit Zeit zu lassen? Was ist Ausdruck? Was ist Einfachheit? Was ist Großzügigkeit? Wie lerne ich, meine eigene Arbeit auszuhalten? Wie lerne ich, beständig im Atelier anwesend zu sein? Wie wird aus diesen Fragen Malerei? Wie löse ich diese Fragen ein?

Jedwede Antwort auf diese Fragen scheint mir unsinniger als je zuvor und führt sich selbst zu Grunde – zurück zu ihrem eigensten Grund.

Einige der Fragen haben sich erledigt – andere sind so aktuell, wie noch nie. Mein Grundthema, die Frage nach der Malerei , ist mir das liebste Thema wie eh und je.

Mir scheint, dass die Malerei ein sehr zerbrechlicher Moment ist. Bis zu dem Augenblick, an dem sie aufscheint in einem Bild, besteht der physisch – technische Aspekt der Malerei aus einem Transportproblem oder einem Vergnügen – wie man das sehen mag. Aber dieser technische Farbtransport vom Maltisch zur Leinwand hat genauso wenig mit Malerei zu tun, wie die Fingerbewegungen eines Pianisten mit Musik – während des Anschlagens der Tasten auf dem Klavier. Die Musik beginnt an einer anderen Stelle, an einem anderen Ort.

Die Malerei blitzt auf, in einem Augenblick, wo die Farben verschmelzen zu einem Farbklang . Es ist ein sehr kurzer Moment, ein heftig verlaufender Prozess. Erst malt man wochenlang auf einer Leinwand herum und es geschieht nichts. Aber dann, urplötzlich kann ich sehen, wie aus dem chaotischen Durcheinander meiner Farben etwas entstehen will. Fast so, als hätte das Bild einen eigenen Willen – fast so, als wäre es ein Lebewesen. Dann erscheint dieses Bild voll und ganz. Für einen Moment verharrt es. Ich kann dann den ganzen Vorgang des Farbtransportes urplötzlich beenden. Jeder Pinselstrich zuviel würde das Bild verletzen.

Und dann bleibt dieser Augenblick der Malerei in einem Bild wie eine Erinnerung oder wie mein Gewissen bestehen. Die Malerei aber hat sich wieder zurückgezogen. Ich male das nächste Bild oft nur deshalb, um diesem Wunder wieder begegnen zu können. Es erscheint mir immer unglaublicher, wie aus einem Dutzend Farben etwas entstehen kann, was mich so berührt. Diese Berührung ist für mich Malerei.

Will ich malen ?

Ja – ich will malen. Aber ich wollte es nicht, als ich 20 Jahre alt war. Als ich 20 Jahre alt war, wollte ich ein Motorrad, eine Freundin und ich hatte so viele Wünsche, wie es Sand am Meer gibt. Aber die Frage, ob ich malen wollte, war mir völlig fremd. Die Malerei hat sich an mich herangeschlichen. Erst mit Ende 20 habe ich damit angefangen und ich habe nicht danach fragen können, ob ich das will: „Malen“. Die Malerei hat – vielleicht – mich gewollt.

Was will ich malen ?

Es gab eine Reihe von „Themen“ Bildern am Anfang meiner Arbeit. Die Abmalerei nach der Kunstgeschichte ist mir ja bis heute ein liebes Thema. Aber ich durfte irgendwann begreifen, dass es im Gegensatz zu Landschaften oder anderen Themen „die Farbe“ selbst war, die mich am meisten interessierte, – weil ich die Farbe nicht verstehen konnte. Farbe ist für mich bis heute ein Geheimnis. Ich versuche immer wieder, diesem Geheimnis etwas näher zu kommen, aber immer wieder verschließt die Farbe sich. Sie offenbart sich mir von Zeit zu Zeit und diese Momente sind überwältigend. Aber eigentlich könnte ich bis heute behaupten, dass ich deshalb male, weil ich nicht malen kann. Das mag der rote Faden (das Thema) in meiner Arbeit sein: „Ich male Farbe, weil ich Farbe nicht malen kann“

Was ist ein Bild ?

Die Grundvoraussetzung für ein Bild ist das „Sehen“ Und sehen ist in meinem Fall auch „erkennen“. Ein Bild aber soll auch vom Betrachter „gesehen“ werden. Es gibt meine Bilder und die Bilder der Betrachter und die Bilder, die ich nicht als Bilder erkenne oder anerkenne, sie bleiben während des Malens verborgen, blitzen kurz auf, werden wieder verdeckt und übermalt und abgekratzt. Aber irgendwann pendelt sich das Geschehen auf der Leinwand ein, zu einer Art von Übereinkunft zwischen mir und der Leinwand, ob das, was ich da mache, nun ein Bild ist oder nicht.

Wann ist ein Bild ein Bild?

Es gibt nicht selten den Augenblick in meinem Atelier, wo einem Gast an einer scheinbar – in meinen Augen völlig unfertigen Arbeit – etwas auffällt. Und während des Gesprächs entwickelt sich dann manchmal für mich diese Arbeit eben doch zu einem Bild! Zu meinem Bild! Aber es gibt auch oft die Werke, wo ich dann lange nachdenke, immer wieder prüfe und das Gesagte wiederhole und das Gesehene überprüfe. Wenn ich dann feststellen muss, dass diese Arbeit vielleicht für den Betrachter ein fertiges Bild sein konnte, ich aber ihm nicht zustimmen kann – dann übermale ich das Material solange, bis es zu meinem Bild geworden ist. Und dann ist ein Bild ein Bild.

Was ist ein Gemälde ?

Ich mag den sehr deutschen Ausdruck „Gemälde“ – ich glaube, ein Gemälde meint schließlich das „ganze fertig gestellte Werk“ im Gegensatz zu dem „Prozess“ des Malens und der langsamen Erkenntnis dessen, was da gemalt wird. Ein „Gemälde“ muss auch gar nicht den traditionellen Mitteln des Malens folgen. Ein Gemälde mag auch aus gänzlich anderen Materialien und Mitteln entstehen, als den mir vertrauten.

Will ich ein Bild malen ?

Eigentlich nicht. Mir macht das matschen und schmieren einfach Spass. Ich mag meine dreckigen Malerhände und ich spiele gerne in der Pfütze. Immer hatte ich die Idee, in meinem Atelier sei keine Staffelei, sondern ein Sumpf aus Ölfarbe. Und ich lege meine Leinwände hinein und warte eine Weile. Dann ziehe ich ein fertiges Bild heraus und staune über diesen Moment, wo aus Stroh reines Gold gesponnen wurde.

Woher kommt Malerei ?

Wenn ich an die Bilder in den Höhlen von Lascaux denke, dann fällt mir immer mein Freund der Bildhauer Ingo Ronkholz ein. Ingo durfte mit einer Erlaubnis vom französischen Staat versehen und einem Wissenschaftler als Begleiter die Höhlen mit Malereien betreten, die nicht für die Öffentlichkeit freigegeben sind. Der Wissenschaftler erzählte lang und breit und breit und lang. Sehr viel über „Kultstätten“ Ingo betrachtete drei Punkte an der Wand. Der Wissenschaftler erklärte die Kultbedeutung der Punkte. Ingo hatte die Nase voll: das seien keine Punkte eines besonderen Kultus – sagte er – sondern das sind Augen. Der Begleiter war sichtlich verwirrt. Ingo zeigte ihm die nötigen Bezugspunke: ein Pferd – und zwischen den gespannten Vorderläufen des einen Pferdes hatte der Künstler ein anderes Pferd in den negativen Raum der Schenkel – so ähnlich wie ein Bild von Escher – hineingemalt. Der Wissenschaftler war wie vom Donner gerührt und Ingo sagte in aller Seelenruhe: das hier war keine Kultstätte, das war ein Atelier. Irgendwo daher mag die Malerei kommen….

Woher kommt meine eigene Arbeit ?

Ich weiß es nicht genau – es muss etwas mit den Künstlern der Renaissance zu tun haben. Die gewaltige und unglaublich differenzierte Farbkraft dieser Maler hat mich stets beschäftigt.

Was will ich kennenlernen ?

Ich möchte wissen, wie man aus Stroh Gold spinnt, wie aus dem Material ein Gemälde werden kann.

Führt jede Malerei zu einem Bild?

Nein – zum Glück nicht.

Was ist „sehen“ ?

Vielleicht ein Akt der Liebe und der Erkenntnis. „Sehen“ ist vielleicht der Moment wo – wie es in der in Bibel heisst – Adam seine Eva erkannte.

Wie lerne ich das eigenständige Sehen ?

Viel in die Museen gehen und ohne Audioguide einfach nur schauen. In die Ateliers der Künstler gehen und schauen. In die Natur gehen und schauen.

Wie lerne ich, dem eigenständigen Sehen zu vertrauen ?

Weiter malen.

Wie vermeide ich die Wiedergabe erlernter Ästhetik ?

Indem man irgendwann beginnt zu begreifen, dass sich die Natur nicht um ihr eigenes Aussehen kümmert. Es ist nicht so entscheidend, wie etwas aussieht, sondern wie es sich ausdrückt und welchen Eindruck es bei mir hinterlässt. Nur weil man mir in der Schule beigebracht hat, zum Beispiel Cezanne sei ein großer Künstler, muss ich das nicht nachplappern. Erst mit 58 Jahren habe ich eine winzige Ahnung bekommen, warum Cezannes Bilder so besonders sind. Alle Schulweisheiten über Cezanne Kompositionen basieren auf sprachlichen Übereinkünften zu Cezannes Bildern – und die Sprache ist das Letzte, was vor seinen Bildern hilfreich ist, um diese Bilder auch nur ansatzweise zu verstehen. Es gibt da nichts zu hören und nichts zu verstehen im üblichen kunstgeschichtlichen Kontext. Wenn ich ein Gedicht reduziere auf das geschriebene Wort und dabei vielleicht auch noch die -möglicherweise – verletzten Regeln der Grammatik beanstande, überhöre ich den Klang und den Frieden und die Wärme der Poesie. Und so auch den Klang der Farben. Ich muss in irgendeiner Weise lernen, die Bilder von Cezanne wirklich zu lieben. Ich muss sie nicht verstehen oder gar nur „mögen“. Ich muss sie lieben. Dann bleiben sie Cezannes Bilder und ich habe etwas über die Liebe erfahren. Und vielleicht lerne ich ja auch, das zu lieben, was ich selber mache.

Was ist Zeit ?

Ich weiß es nicht. Aber jedes Gemälde besitzt seine eigene Zeit und seinen eigenen Raum, den es vorher nicht gegeben hat. Jeder Pinselstrich ist wie ein winziges Stück einer Zeit, die sich selbst erstellt. Aus dem Nichts heraus entsteht ein Augenblick und dieser Augenblick hat entweder eine Dauer oder er verweht mit dem nächsten Pinselstrich, der den ersten überdeckt. So kann aus dem überdecken, überlagern und zerreißen der Farbspuren auf dem Malgrund ein etwas länger dauernder Zeit-Raum entstehen. Bis zum nächsten Pinselstrich. Bis zu dem Moment, wo ich dem Bild durch das vorläufige Ende des Prozesses eine gewisse Dauer verleihe.

Wie lerne ich, mir bei der Arbeit Zeit zu lassen ?

In dem ich mich daran erinnere, wie das war, als ich Kind war. Die Mutter rief zum Abendessen und ich wollte einfach nur weiterspielen. Ich hatte alle Zeit der Welt und dieses Gefühl suche ich in meinen Bildern. Wenn ich aber angewidert von der ganzen Matscherei in der Ölfarbe abends nach Hause fahre, war irgendetwas falsch. Ich habe mir dann keine Zeit an dem Tag gelassen. Vielleicht wäre es besser gewesen, spazieren zu gehen. Das gehört einfach mit zur Arbeit: eine gehörige Portion Langeweile.

Was ist Ausdruck ?

Wenn ich die Kratzer an der Wand der Gefangenen des Nazi Regimes sehe – dann ahne ich, was Ausdruck sein kann.

Was ist Einfachheit ?

Das ist die Geschichte mit dem Streuselkuchen – nicht das raffinierteste Rezept schmeckt mir am besten, sondern das alte, leicht angebrannte und viel zu harte Stück Streuselkuchen von meiner Großmutter gebacken.

Was ist Großzügigkeit ?

Keine Fliegenbeine zählen.

Wie lerne ich, meine eigene Arbeit auszuhalten ?

Ich renne weg und schaue mir eine Stunde die Staubsauger im Kaufhaus an, dann halte ich es wieder eine Weile im Atelier aus…

Wie lerne ich, beständig im Atelier anwesend zu sein ?

Ich baue Staudämme mit Kindern, lasse Modellflugzeuge fliegen und gehe spazieren. Ich mache gar nichts. Ich bin auf genau diese Weise ständig im Atelier – mein Atelier ist überall – wenn ich schon den Eindruck habe, zu „arbeiten“ , – ist garantiert etwas falsch.

Wie wird aus diesen Fragen Malerei?

Gar nicht.

Wie löse ich diese Fragen ein ?

Morgen im Atelier stehe ich wie ein Depp vor der Leinwand, alles so klug gesagte schwimmt den Bach hinunter in den Rhein. Und ich stehe vor den Trümmern meiner gesprochenen Worte. Alles, was ich gesagt habe , wendet sich gegen mich und alles könnte ganz anders sein. Nur diese eine geheimnisvolle Frage bleibt : Was ist Malerei ?

Köln, 1985 – 2026