Bei der Arbeit

 

Fotografien von Paul Wontorra

Was ist Malerei? Will ich malen? Was will ich malen? Was ist ein Bild? Was ist ein Gemälde? Will ich ein Bild malen? Woher kommt Malerei? Woher kommt meine eigene Arbeit? Was will ich kennenlernen? Führt jede Malerei zu einem Bild? Was ist „sehen“? Wie lerne ich das eigenständige Sehen? Wie lerne ich, dem eigenständigen Sehen zu vertrauen? Wie vermeide ich die Wiedergabe erlernter Ästhetik? Was ist Zeit? Wie lerne ich, mir bei der Arbeit Zeit zu lassen? Was ist Ausdruck? Was ist Einfachheit? Was ist Großzügigkeit? Wie lerne ich, meine eigene Arbeit auszuhalten? Wie lerne ich, beständig im Atelier anwesend zu sein? Wie wird aus diesen Fragen Malerei? Wie löse ich diese Fragen ein?

Jedwede Antwort auf diese Fragen scheint mir unsinniger als je zuvor und führt sich selbst zu Grunde – zurück zu ihrem eigensten Grund.

Einige der Fragen haben sich erledigt – andere sind so aktuell wie noch nie. Mein Grundthema, die Frage nach der Malerei, ist mir das liebste Thema wie eh und je.

Mir scheint, dass die Malerei ein sehr zerbrechlicher Moment ist. Bis zu dem Augenblick, an dem sie aufscheint in einem Bild, besteht der physisch-technische Aspekt der Malerei aus einem Transportproblem oder einem Vergnügen – wie man das sehen mag. Aber dieser technische Farbtransport vom Maltisch zur Leinwand hat genauso wenig mit Malerei zu tun, wie die Fingerbewegungen eines Pianisten mit Musik – während des Anschlagens der Tasten auf dem Klavier. Die Musik beginnt an einer anderen Stelle, an einem anderen Ort.

Die Malerei blitzt auf, in einem Augenblick, wo die Farben verschmelzen zu einem Farbklang. Es ist ein sehr kurzer Moment, ein heftig verlaufender Prozess. Erst malt man wochenlang auf einer Leinwand herum und es geschieht nichts. Aber dann, urplötzlich, kann ich sehen, wie aus dem chaotischen Durcheinander meiner Farben etwas entstehen will. Fast so, als hätte das Bild einen eigenen Willen – fast so, als wäre es ein Lebewesen. Dann erscheint dieses Bild voll und ganz. Für einen Moment verharrt es. Ich kann dann den ganzen Vorgang des Farbtransportes urplötzlich beenden. Jeder Pinselstrich zu viel würde das Bild verletzen.

Und dann bleibt dieser Augenblick der Malerei in einem Bild wie eine Erinnerung oder wie mein Gewissen bestehen. Die Malerei aber hat sich wieder zurückgezogen. Ich male das nächste Bild oft nur deshalb, um diesem Wunder wieder begegnen zu können. Es erscheint mir immer unglaublicher, wie aus einem Dutzend Farben etwas entstehen kann, was mich so berührt. Diese Berührung ist für mich Malerei. Wie wird aus diesen Fragen Malerei?

Wie löse ich diese Fragen ein? Morgen im Atelier stehe ich wie ein Depp vor der Leinwand, alles so klug Gesagte schwimmt den Bach hinunter in den Rhein. Und ich stehe vor den Trümmern meiner gesprochenen Worte. Alles, was ich gesagt habe, wendet sich gegen mich und alles könnte ganz anders sein. Nur diese eine geheimnisvolle Frage bleibt: Was ist Malerei?

Köln, 1985–2026